Crashkurs mit Uncle Tom

Ich kann mich noch sehr genau an das erste Mal erinnern als wir einen Roller mieteten. Auf der Insel Koh Phangan in Thailand standen wir vor dem Verleiher der uns die Frage stellte, vor der wir am meisten Angst hatten: „Seid ihr schon mal gefahren?“

Nein sind wir nicht, war damals die ehrliche Antwort und wir sahen kurz die Besorgtheit in den Augen des Verleihers aufflammen. Sicherlich galt seine Sorge dem fast nagelneuen Roller, den er uns lieh und nicht der Unversehrtheit zweier farangs. Ich sollte eine Proberunde vor den Augen des Verleihers drehen. Also Helm auf, Startknopf an und am Gashahn drehen – klingt kinderleicht. Der vollautomatische Roller setzte sich schneller in Bewegung als ich erwartet hatte. Ich vergaß welcher Schalter für den Blinker, welcher für die Hupe und welcher Hebel für die Bremse war. Mein ganzer Körper war angespannt, Schweißtropfen liefen mit über das Gesicht und meine Knie zitterten wie die eines frisch geworfenen Kalbs – aber, ich fuhr. Ab da packte uns das Gefühl der Unabhängigkeit so sehr, dass wir am liebsten ganz Südostasien mit dem Roller durchquert hätten. Das schwere Gepäck machte uns einen Strich durch die Rechnung und auch, dass Angélique bisher nicht so richtig warm mit dem Rollerfahren wurde. Umso mehr erstaunte es mich als sie eines Tages vorschlug, dass wir einen Stopp in Kasi machen sollten, bevor wir nach Vang Vieng fahren, um bei einem Mann namens Uncle Tom in zwei Tagen zu lernen, wie man eine Motorcross-Maschine fährt. Ich wollte schon immer ein richtiges Motorrad fahren können und wurde deshalb bei dem Vorschlag fast ohnmächtig vor Freude. Gleichzeitig stellte ich mir Angélique auf einem Motorrad im asiatischen Verkehr vor und sah uns schon im nächsten Krankenhaus. Also  machte ich mir erst mal keine großen Hoffnungen, diese Schnapsidee Realität werden zu lassen.

Zwei Tage später standen wir dann mitten in Kasi vor einem braungebräunten und gutgelaunten Briten, der in der dreckigen Jogginghose und dem verschlissene T-Shirt gar nicht so britisch aussah wie erwartet. Keine Stunde später saß Angélique auf einem Trail-Bike namens Gerry und wurde in die manuelle Schaltung eingewiesen. Mit der rechten Hand Gas raus, mit der linken kuppeln, mit dem linken Fuß schalten, Kupplung langsam loslassen und Gas geben – fertig.

Beim ersten Versuch gab Angélique gleich Vollgas und lies beim Start den Hinterreifen durchdrehen, beschleunigte so stark, das Gerrys Motor aufheulte, erschreckte sich und haute mit voller Kraft die Vorderbremse rein, bääm! Nichts passiert, denn das Motorrad war zum Glück aufgebockt und der Hinterreifen lag in einer Drehvorrichtung, wie man sie vom TÜV kennt. Uncle Tom, der eigentlich Steve heißt, ist zum Glück kein Idiot der Menschen ohne Motorradführerschein auf einer 250er Motorcross-Maschine setzt und ihnen alles Gute wünscht, sondern ein sehr emphatischer und geduldiger Mann, der sich ein System überlegt hat, um anderen Menschen ein Gefühl für ein Motorrad zu vermitteln. Verkehrsregeln bestehen zwar auch in Südostasien, jedoch haben die meisten Rollerfahrer keinen Führerschein und halten sich folglich nicht an die Verkehrsregeln, weil sie sie nicht kennen.

Was bringt also ein Fahrlehrer seinem Schüler bei, wenn es quasi keine Verkehrsregeln gibt? Richtig, vorausschauendes, langsames und kontrolliertes Fahren.

Für Angélique war das eine ganz schöne Umstellung, da sie es aus Deutschland gewohnt war mit dem Auto unkontrolliert zu beschleunigen, abzubremsen, die Kurven zu schneiden und so dicht aufzufahren, dass sie sich im Rückspiegel des anderen Autos sehen konnte. Tom versuchte ihr deshalb beizubringen, wie sie mit dem sensiblen Gas- und Bremshebel umzugehen hatte, ohne dabei sich und andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr zu bringen. Währenddessen setze mich Tom auf eine 250er Honda namens Big Red, nachdem ich erfolgreich Gerry geritten hatte und erklärte mir, wie die Maschine funktioniert. Ich fuhr ein paar Achten auf dem Grundstück und erwies mich als würdig zum nächsten Level des Trainings voranzuschreiten.  Dafür suchten wir die Landebahn des inoffiziellen Kasi Airports auf. Big Red und ich waren wie geschaffen für einander. Als ich das pulsierende Vibrieren seines starken Motors zwischen meinen Beinen spürte, mir der Wind durch die Haare wehte und ich in die weiten Berglandschaften von Kasi vorstoß, stand mein Entschluss fest – wenn wir zurückkommen, kaufe ich mir ein Motorrad. Das Trail-Bike ist super zum üben. Es ist so gut ausbalanciert und wendig, dass man sich sofort sicher fühlt, aber auch so kraftvoll und schwer, dass man die ganze Zeit Respekt davor hat und keine Risiken eingeht. Besonders im Gelände zeigt es seine Stärken. Es macht riesigen Spaß damit die Erdhügel rauf und runter zu fahren, durch die Matschpfützen zu düsen oder auf gerader Strecke einfach mal Vollgas zu geben.

Zurück im Basiscamp hatte auch Angélique Fortschritte gemacht. Nachdem sie mit Toms Hilfe jahrelang antrainierte raudiehafte Fahrweisen ablegte, gewann sie immer mehr Kontrolle über das Motorrad und sollte bereits am nächsten Tag alleine die Straßen von Kasi erobern. Bevor es aber soweit war mussten wir am Abend eine weitere Prüfung absolvieren, die uns alles abverlangen würde – Karaoke. Wir kriegen beide keinen geraden Ton raus und kennen auch kein einziges Lied das wir mitsingen könnten. Klar sind wir früher zu Hause wild durch die Küche getanzt, haben in schwurbeligen Wortkreationen Happy von Pharelle oder Cheerleader von Omi „mitgesungen“ und herzlich darüber gelacht wie wir uns zum Affen machten. Aber – das würden wir um nichts auf der Welt in einer Bar von den Augen betrunkener Laoten wiederholen. Also ließen wir abends nach dem Essen in der Karaoke-Bar, die direkt neben Toms Basislager liegt, den Laoten den Fortritt am Mic und konzentrierten uns auf das Bier und irrwitzige Gespräche mit Tom. Er erzählte uns Dutzende von Geschichten über das Leben in Laos, die Geister die er rief und die verrücktesten Motorradschüler die er je hatte. Tom redet fast immer in Metaphern und während man am Anfang die meiste Zeit zwar verstehend lacht, aber eigentlich nicht weiß wovon er spricht, erschließt sich seine Sicht der Welt erst, wenn man näher darüber nachdenkt. Lässt man dies zu, lernt man einen der interessantesten Menschen kennen, den das wunderbare Großbritannien je geboren hat. Und dann passierte es.

Plötzlich wurde das Mic an Angélique übergeben und I Feel Good von James Brown dröhnte aus der Karaoke-Maschine. Zum Glück waren die meisten Laoten schon so betrunken (und ebenfalls äußerst begnadete Sänger), dass sie den zaghaften Knabenchor sogar mit Applaus belohnten. Während Angélique wenigstens beim Refrain ihr Bestes gab und Tom ihr ritterlich zur Seite stand und den Song mitsang, zog ich es vor mich hinter meinem Bier zu verstecken. Kurz darauf musste sie auch noch bei einer Tanzeinlage ran als ein etwas angetrunkener Laote sie  zu einem laotischen Hand-Dance-Battle aufforderte. Natürlich hätte ich ihr zur Seite springen, mitsingen, mittanzen oder vielleicht sogar als Ablenkung einfach blankziehen sollen. Aber leider benehme ich mich in solchen Situationen wie ein kleiner Junge der sich hinter seinen Händen versteckt und „ich bin unsichtbar“ denkt. Nachdem Angélique die Karaoke-Prüfung für uns beide bestritten hatte, gingen wir viel zu spät ins Bett um am nächsten Morgen viel zu früh aufzustehen. Tom hatte uns angeboten die junge Köchin zum Markt zu begleiten und das wollten wir auf keinen Fall verpassen. Nachdem wir am nächsten Morgen ein paar Kühe gestreichelt hatten um richtig wach zu werden, ging es auch schon los Richtung Kuriositätenmarkt. Neben dem üblichen Fleisch und Gemüse wurde hier alles verkauft was nicht bei drei auf dem Baum war. Wiesel, Eichhörnchen, Fledermäuse und Vögel aber auch die unterschiedlichsten Pflanzen- und Käferarten gingen hier über den Ladentisch. Natürlich fiel unsere laotische Begleitung mehr auf als sonst und sie konnte sich das Lächeln über unsere Präsenz nicht immer verkneifen. Als Belohnung dafür, dass wir uns so gut gemacht und ihr beim Tütentragen geholfen hatten, servierte uns die Köchin das Frühstück der Champions. Voll mit gutem Essen und leichten Schmerzen in den Wangen von den ganzen Stories die uns Tom schon zum Frühstück auftischte, fuhren wir jeder mit einem Motorrad durch die Stadt und zum Abschluss nochmal hoch in die Berge. Angélique fuhr dabei auf Toms Sattel mit, da die Strecke noch zu fortgeschritten für sie war und Tom keinen Unfall riskieren wollte. Wie sagt man so schön, ab drei ist man ´ne Gang und da wir die einzige weiße Gang in dem ansonsten dunklen Kasi waren, mussten wir aufpassen, dass der ein oder andere Fahrer nicht vor lauter Anstarren einen Unfall baute. Hätte mich Christoph Walz in dem Moment gefragt warum die uns denn alle so anstarren, hätte ich geantwortet: „Die haben noch nie ´nen weißen auf ´nem Motorrad gesehen“ (Wer das nicht versteht sollte sich den Film Django anschauen).

Tom machte aus dem Motorradtraining ein Erlebnis. Er zeigte uns atemberaubende Berglandschaften, spendierte und selbstgemachtes Buttermilcheis, besuchte mit uns den Jurassic Carpark und nutze jede Gelegenheit um uns mit den Laoten bekannt zu machen. Die Zeit verging viel zu schnell und ehe wir die beste Tripadvisor Bewertung abgeben konnten, die wir je geschrieben haben, saßen wir schon auf der Ladefläche eines Pickups und fuhren Richtung Vang Vieng. Nur ob wir je dort ankommen sollten, stand auf Messers Schneide, da wir unser Leben in die Hände eines 15-Jährigen Fahranfängers legten.

4 Comments

  • Andrej sagt:

    An alle die nicht geglaubt haben, dass Jan und Angelique mit Motorrädern gefahren sind, da habt Ihr den Beweiss.
    So gut beschrieben,dass ich mir ganz genau Angelique auf dem Motorrad vorstellen konnte. Un ich hätte so gern Ihr Gesicht gesehen auf dem Markt vor einem tierisch gutem Frühstück. Oder ist Sie mittlerweile abgehärtet?
    Gut gemacht!!!

  • Jan Eisenkrein sagt:

    Waas? Wer hat das nicht geglaubt? Angélique ist bei der nächsten Tour sogar zum Roller-Stuntman geworden. Aber dazu mehr im nächsten Blogbeitrag. Mittlerweile kann sie das tierische Frühstücksbuffet nicht mehr schocken, auch wenn der Geruch leider nicht über das Bild transportiert wird.

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