Das Haus am See

Ich sitze auf einem kleinen Steg am See, die hohen Tannen hinter mir, die strahlende Sonne über mir und dem glitzernden See vor mir, während ich meine Augen schließe und einfach an nichts denke. Als ich sie wieder öffne und an das wunderschöne und gemütliche Holzhaus mit Kamin, indem wir jetzt für vier Wochen wohnen werden,  denke, glaube ich immer noch zu träumen. Doch es ist kein Traum, es ist wahr. Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus und ich nehme dieses Gefühl der  Glückseligkeit in mir auf.

Zehn Tage vor Ende unseres siebenwöchigen Roadtrips durch den Westen von Amerika und dem Leben im Auto, erhielten wir endlich die lang ersehnte Zusage für einen einmonatigen Housesit. Seit Australien versuchen wir schon über die Onlineplattform housecarers.com einen der begehrten Aufpasserjobs zu ergattern. Auf der Plattform suchen Hausbesitzer mit oder ohne Tiere nach Menschen, die während ihrer Abwesenheit auf ihr Haus, den Garten und oft auch ihre Tiere aufpassen. Im Gegenzug dürfen die Housesitter umsonst in dem Objekt auf das sie aufpassen wohnen. Eigentlich hatten wir so unseren Einstieg in Kanada geplant, jedoch keinen Housesit bekommen können. Die Vorstellung einen Monat länger als geplant in den USA zu verbringen, gefiel uns jedoch auch. Wir freuten uns darauf einen Monat lang nicht von A nach B fahren und dabei ständig nach einem kostenlosen Schlafplatz suchen zu müssen, ohne zu wissen wann wir das nächste Mal mit einer Dusche rechnen können. Runterkommen, Abschalten, in Ruhe unsere Kanadareise vorbereiten und am Blog schreiben. Dies war unser Plan für die nächsten vier Wochen. Dass wir dabei so viel Glück haben würden wie mit diesem Volltreffer hier, haute uns auch nach einer Woche im Haus am See immer noch von den Socken.

Das erst vor zwei Jahren erbaute einstöckige Holzhaus am Lake Shoecraft in Stanwood, eine Stunde nördlich von Seattle in Washington entfernt, liegt naturbelassen zwischen hohen Bäumen im Grünen und verfügt über einen eigenen Bootssteg, ein kleines Ruderboot zum Rausfahren, eine schöne Holzterasse, eine wunderschöne und gemütliche Einrichtung in qualitativ hochwertigem Bau, mit Kamin und Badewanne. Unser Traumhaus könnte nicht schöner aussehen. Bei unserer Ankunft begrüßte uns die Hausbesitzerin Mary, zeigte uns alles und erklärte uns Näheres zu der Umgebung. Sie ließ uns Notfallnummern da und legte uns sogar noch 120$ bereit, falls wir es gebrauchen könnten. Dann verabschiedete sie sich auch schon, wünschte uns eine gute Zeit und wir ihr einen schönen Urlaub in Frankreich – den sie mit ihrem Mann, Kindern und Enkeln verbringen würde. Wir hatten keine weiteren Verpflichtungen außer, das Haus am See sauber und ordentlich zu halten, aber sogar dafür gab es vor ihrer Rückkehr noch eine Putzkraft, die vorbeikommen würde. Wir staunten nicht schlecht über das Vertrauen, dass sie uns entgegen brachte. Denn ohne uns zu kennen, ließ sie uns in ihrem wunderschönen Heim kostenlos wohnen. Selbst wir waren anfangs skeptisch, ob das alles ist und es gar keinen Haken dabei geben sollte. Neben einem schnellen WLAN, bekamen wir oben drauf noch teure Delikatessen angeboten, die von ihrer Familienfeier den Tag zuvor übrig geblieben waren. So leckeren Käse, guten Wein, gegrilltes Hühnchen und Kuchen hatten wir schon lange nicht mehr auf dem Tisch bzw. noch nie zuvor zu uns genommen. Denn die zwei offenen Weine, die für uns übrig waren, kosteten zusammen allein 100 Euro – wie sich nach späterer Recherche herausstellen sollte. Eins war auch bei näherer Besichtigung klar, die Leute gehörten zu der Oberschicht Amerikas.

Wir tanzten vor Glück und Freude.

Wir genossen den Wein und Käse, nahmen ein entspanntes Bad und setzten uns abends ans warme Feuer vorm Kamin, bevor wir uns nachts in das große gemütliche Bett zum Schlafen legten und am nächsten Morgen gleich wieder eine Dusche nahmen. Nach 5 Monaten Leben im Auto, weiß man so etwas einfach zu schätzen. Der nächste Tag begrüßte uns mit herrlich warmem Sonnenschein. Wir frühstückten auf der Terrasse, tanzten vor Glück und Freude durch die Wohnung und verbrachten den ganzen Tag am  See. Ich habe viel gelesen und mich von der Sonne verwöhnen lassen. Jan hat geangelt und bald einen Fisch nach dem anderen aus dem See gezogen. Wir waren im See schwimmen, mit dem Boot draußen, Feuerholz hacken, etwas Sport machen, abends haben wir den Kamin angemacht und Serien geschaut. So haben wir die Tage einfach mal dahin treiben lassen. Wir hatten genug für die nächsten drei Wochen eingekauft und mussten bzw. konnten auch nicht weg, denn wir hatten unseren Mietwagen bereits in den ersten Tagen in Seattle abgeben müssen. Da wir ohne Auto unnötige Kosten für den Aufenthalt im Haus sparen konnten, dauerte es schließlich fast drei Stunden mit dem Bus und noch 40 Minuten zu Fuß bis wir von der Großstadt Seattle zurück waren. In den ländlicheren Gebieten Amerikas ist die verkehrstechnische Infrastruktur viel weniger engmaschig ausgebaut als in Deutschland, da die meisten Leute hier ein Auto besitzen. Außer den anderen Häusern um den See herum, gab es auch keinen Supermarkt in nächster Nähe. Als uns in der letzten Woche ein paar wichtige Lebensmittel wie Milch, Eier, Brot und etwas Obst und Gemüse ausgingen, konnten wir die paar Dinge deshalb nur zu überteuerten Preisen in einem kleinen Tankstellenladen am benachbarten See etwa 15 Fahrradfahrtminuten entfernt besorgen. Aber so ein einfaches Leben, ohne Auto und ohne Verpflichtungen, war mehr als reizvoll. Dabei wurde uns die alltägliche Selbstverständlichkeit von dem Komfort eines Autos bewusst. Das ist das Gute in Deutschland, da kommt man auch ohne große Umstände ohne eigenes Fahrzeug im Alltag sehr gut zurecht – obwohl dies auf den Dörfern auch immer mehr abnimmt.

Swimming in the Sun

An einem der vielen Tage in dem wunderschönen Haus am See, durften wir auch Bekanntschaft mit Jack aus der Nachbarschaft machen. Er ist 80 Jahre alt und lebt seit seiner Jugend in einem Haus an diesem See. Er hat insgesamt 28 Kinder und Enkelkinder und geht jeden Morgen im See schwimmen. Eines Morgens sprach er mich während seiner Runde an, da ich zur gleichen Zeit am Steg saß. Nach einem kurzen Geplänkel wollte  er später mal vorbeischauen und uns ein Buch vom See bringen. „Okay“, sagte ich etwas verwundert und war nicht sicher was genau passieren würde. Aber er kam tatsächlich und gab uns ein Buch mit dem Titel „Swimming in the Sun“, welches er selbst geschrieben hatte. Mit vielen kleinen und großen Geschichten vom See, seinem Leben, seinen Kindern und vielen philosophischen Gedanken über das Leben im Allgemeinen. An dem Abend erzählte er uns noch viel über sich, sein Leben, wie er zu den Mormonen konvertiert ist und auch seine Frau davon überzeugen konnte. Auch wenn die Tatsache, dass er Mormone war und dies besonders betonte uns skeptisch werden ließ, war er ein sehr herzlicher und offener alter Mann, der auch die eine oder andere Träne wegdrücken musste, während er sich seinen biographischen Erzählungen hingab. Es war eine sehr interessante, wenn auch etwas merkwürdige Begegnung. Er brachte uns zwei Tage später sogar noch das Glaubensbuch der Mormonen vorbei,  schenkte uns einen exklusiven Himbeer-Honig aus seinem Garten sowie sein hochwertiges, handgemahlenes Vollkornmehl mit Sauerteigbereiter. Er erzählte uns, dass er eine Kornpresse zur Herstellung von vollwertigem Mehl entwickelt und es damit zu großem Erfolg im Bereich vollwertiger Küche in Amerika gebracht hat. Aus dem (seiner Auskunft nach) besten Mehl der Welt stellten wir unser erstes eigenes Sauerteigbrot her – etwas typisch Amerikanisches. Das Gute beim Sauerteig ist, dass man ihn immer weiter benutzen kann, um so alle paar Tage ein neues Brot herzustellen. Damit wären wir also auch in Kanada unterwegs gut versorgt. Die Zeit in dem Haus verging wie im Flug und fühlte sich wie herrlicher Dauerurlaub für uns an. Und dann begann es.

Was war das?

Ich wachte Nachts auf und merkte das Jan nicht mehr neben mir im Bett lag. Es dauerte eine Zeit lang, bis der Schlaf aus meine Augen wich und ich mich im Zimmer umschaute. Jan Stand am Fenster und spähte durch die Jalousien nach draußen. „Was ist los?“, fragte ich ihn. Er drehte sich zu mir um und legte den Zeigefinger auf seine Lippen. „Das Licht ist draußen angegangen, und das hat einen Bewegungsmelder“, sagte Jan, als genau in diesem Moment tatsächlich das Flutlicht erneut aufleuchtete und den Wald vor dem Haus in eine Horror-Kulisse verwandelte. Jan legte sich wieder ins Bett und fragte mich, ob ich die Geräusche an der Haustür gehört hätte? Ich hörte nichts und schlief wieder ein. Am nächsten Abend passierte genau das gleiche und am Abend darauf erneut. Jan hatte mittlerweile Besen gegen alle Türen gelehnt, die, falls diese aufgebrochen werden würden, mit dem Holzstiel auf den Boden knallen würden. Ein Golfschläger stand vor der Tür und überall im Haus hatte er an „strategischen Orten“ Messer versteckt. Wir waren vorbereitet und blieben abends länger auf. Kurz nachdem wir uns dann doch hingelegt hatten, ging wieder der Außenscheinwerfer an. Jan stellte sich ans Fenster, welches leicht geöffnet war und lauschte. Plötzlich schritte. Jemand schlich ums Haus. Den Schrittgeräuschen nach waren sie sogar zu zweit. Sie kamen immer näher ans Fenster. Und – kauten etwas? Als das Flutlicht erneut anging sahen wir die Rehe gemütlich durch den Garten trotten. Falscher Alarm.

Nach all dem Theater um den vermeintlichen Einbrecher, merkten wir, dass es wohl an der Zeit war uns wieder eine Beschäftigung zu suchen und es war auch schon an der Zeit sich mit der Planung der Kanadareise auseinanderzusetzen. Da unser USA Visum am dritten August auslief, mussten wir das Haus leider vor der Rückkehr der Besitzer verlassen. Wenn es nach uns ginge, wären wir hier für immer eingezogen. Das ist wiederum eine der Schattenseite daran und auch das Gefährliche, wenn man nach so viel Mobilität und Entbehrungen auf Reisen, dann wieder einen festen Platz und Ort zum Wohlfühlen und Bleiben für sich gefunden hat. Sich von dem Komfort wieder loszureißen ist ein ganz schöner Kraftakt. Das Herz schmerzte uns schon sehr beim Verlassen dieses Traumhauses. Aber auch wenn wir nun wieder fünf Wochen mit weniger Komfort und einigen Entbehrungen auf Kanadas Straßen und seinen unendlichen Wäldern verbringen würden, verspürten wir nun mehr denn je den Drang nach einem eigenen festen Zuhause. Kanada würde unser letztes großes Abenteuer auf unserer Weltreise werden, da wir immer mehr die Sehnsucht verspürten in die Heimat zurück zu kehren und unsere nahe Zukunft in die Hand zu nehmen. Denn trotz der vielen schönen Seiten des freien und unabhängiges Reisen und dem Leben im Auto auf den Straßen der Welt, können wir das eine nun mit Gewissheit von uns sagen: das Dasein als Nomade wäre auf Dauer nichts für uns. Wir brauchen unser festes Heim, in das wir immer einkehren können, um neue Energie für das Abenteuer Leben zu tanken.

Und eines Tages sitze ich vielleicht auf meinem eigenen kleinen Steg am See.

1 Comment

  • Andrej sagt:

    Sehr gut geschrieben Angelique, guter Beitrag, ich wünsche euch vom ganzen Herzen so ein eigenes Haus aufzubauen.
    Jan hat sich ja zum guten Angler entwickelt.:)

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*