Ethnic Travel aus Vietnam: Eine gute Erfahrung?

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Wir passten unsere Reiseroute dem Wetter an und planten Anfang November zwei Wochen in Nordvietnam zu verbringen, bevor wir im Januar nach Südvietnam fuhren. Um möglichst viel von Nordvietnam zu erleben, buchten wir eine mehrtägige Tour über den Reiseveranstalter Ethnic Travel. Die Website sieht zwar aus, wie aus den frühen 90ern aber der Inhalt hatte uns überzeugt. Einen authentischen Einblick in das wahre Vietnam fernab ausgetretener Pfade verspricht das Unternehmen auf seiner Internetpräsenz und will gleichzeitig komfortables Reisen mit einem hohen Standard  ermöglichen. Dies hörte sich nach dem perfekten Mix für uns an und wir waren sehr gespannt darauf ob unsere Erwartungen auch erfüllt werden würden. Wir buchten einen 11 tägigen Trip durch Nordvietnam mit Stationen in Ninh Binh (2 Nächte), Halong Bay und Bai To Long Bay (2 Nächte), Sapa (3 Nächte), sowie in Ba Bee (2 Nächte). Für das Komplettpaket sollten wir 565 $ pro Person bezahlen. Im Preis waren Transfer, Unterkünfte, sowie Eintrittspreise und das Essen enthalten. Getränke mussten wir selber zahlen (die Preise waren ähnlich hoch wie in anderen Restaurants auch). Als wir nach einem Rabatt fragten, bekamen wir netterweise einen Discount und so lag der Preis nur noch bei 500$ pro Person.

Vorteile beim Reisen mit Ethnic Travel

Der Reiseveranstalter bietet viele kurze Trips durch ganz Vietnam, die sich sehr individuell Reisende zu einem Gesamtpaket zusammensetzen lassen. Unsere Anfragen wurden sehr schnell beantwortet. Die Angestellten im Büro in Hanoi sowie die Guides sprachen sehr gutes Englisch und waren immer freundlich, hilfsbereit und sehr zuvorkommend. Wir hatten etwas Pech mit unserem ersten Guide, aber er stellt eindeutig eine Ausnahme dar. Die Touren sind sehr gut organisiert. Immer wenn man irgendwo ankommt, wartet bereits ein Mini-Van von Ethnic Travel. Die Fahrzeuge sind in einem sehr guten Zustand und auch die Fahrräder und Kajaks sind gut in Schuss. Es wird viel Wert auf Sicherheit gelegt. Rettungswesten beim Kajaken und Fahrradhelme sind bei den Ausflügen Pflicht. Auf den Schiffen durften wir bei der Aus- und Einfahrt in das Hafengelände nicht das Deck betreten. Überall waren auch Feuerlöscher und Erste-Hilfe-Sets angebracht. Einige wenige Einblicke in das authentische Vietnam kann man tatsächlich erhaschen. Etwa beim Essen mit den einheimischen Familien in Ninh Binh, auf der Fischfarm in der Bai To Long Bay oder in den Bergdörfern von Sapa. Oft hat man das Gefühl, dass die Touren zumindest so geplant wurden, dass man die großen Touristenmassen umgeht. An vielen Orten die eigentlich touristisch waren, war zu der Zeit als wir da waren, außer uns niemand sonst vor Ort. Ein großes Lob geht an alle Köche. Das Essen war immer sehr gut.

Nachteile beim Reisen mit Ethnic Travel

Die Touren sind durchgetaktet und ziemlich vollgestopft mit geplanten Aktivitäten. Das bedeutet, dass wenig bis gar kein Platz für individuelle Wünsche blieb. Die Guides müssen die Zeitpläne einhalten. Eine halbe Stunde länger am Strand oder mal auf eigene Faust durchs Dorf schlendern ist oft nicht drin. Es gibt große Unterschiede zwischen den Unterkünften. Während unser homestay in Ninh Binh total unseren Vorstellungen entsprach, war das Hostel in Sapa ein verschimmelter 6-Bett-Schlafsaal (zum Glück hielten wir hier nur um zu duschen). Hinter dem homestay auf der Quan Lan Insel sah es übel aus und um 7 Uhr morgens wurden keine 20 Meter von unserem Zimmer entfernt Schweine geschlachtet. In Blogbeiträgen wurden wir vor alten Booten mit Kakerlaken an Bord gewarnt und auf genauso einem Boot fanden wir uns wieder. Für den hohen Preis den wir dafür bezahlt haben, mehr als unfair. Den größten Nachteil sehen wir aber in der Weitergabe von Informationen während der Tour. Oft wurden Pläne geändert und wir erfuhren erst auf Nachfrage oder in letzter Minute davon. Wir hatten das Gefühl, dass die Guides und Fahrer ihre Anweisungen auch immer in letzter Minuten bekamen und deshalb selber nie genau wussten wie und wohin es als nächstes geht – dies wurde uns später auch bestätigt. Auch die Ankündigung, dass die Guides immer aus der Region kämen, in der man reist und sich deshalb bestens auskennen würden, traf zumindest bei uns nicht auf allen Trips zu.

Warum wir Ethnic Travel nicht empfehlen

Gerne hätten wir einen Reiseveranstalter empfohlen der es geschafft hat alle unsere Erwartungen zu erfüllen, jedoch war das bei Ethnic Travel nicht der Fall. Besonders nicht für das Geld. Der Grund warum wir von einem Trip mit Ethnic Travel abraten ist ein anderer.

Wir erfuhren von den Mitarbeitern, dass große Unterschiede zwischen den Gehältern der vietnamesischen Guides und denen, die zu einer ethnischen Minderheit gehören bzw. nicht vorort in Hanoi tätig sind, bestehen. Das ethnic in Ethnic Travel wird also eher klein geschrieben. Man nimmt es wohl nicht ganz so genau mit regelmäßiger Bezahlung und teilweise müssen einige Mitarbeiter Monate lang 7 Tage in der Woche von früh bis spät schuften. Träge Guides sind da noch verständlich, aber bei übermüdeten Fahrern hört der Spaß auf. Zwar macht es vielleicht  unter Corporate Identity Gesichtspunkten Sinn, dass alle Guides die vorgeschriebene Uniformen (Hellblaues Hemd und dunkle Hose) tragen müssen, jedoch wird diese Regel bei Outdoor-Aktivitäten zur Farce. Es ist einfach bescheuert, dass jemand der mit einer Gruppe Touristen den ganzen Tag Fahrrad fährt und durch die Berge klettert, dabei ein Hellblaues Hemd, schicke Schuhe und Anzughose tragen muss. Unverständlich für uns wurde es dann, als wir erfuhren, dass die Mitarbeiter nur eine Uniform gestellt bekommen – selbst wenn sie mehrere Tage am Stück unterwegs sind. Erstaunt hat uns besonders die Aussage, dass einige homestays gefaket seien. Anstatt richtigen Familien, leben einfach mehrere Angestellte und ihre Kinder im Haus neben dem homestay. Im Nachhinein wurde für uns so das Verhalten einiger Einheimischer in den Unterkünften verständlich. Der insight into vietnam wird aber mit einer gestellten Familie zur Reality-Show.

Solche und andere Einsichten, die wir hinter das allgegenwärtige Branding von Ethnic Travel gewinnen konnten lassen und zu dem Schluss kommen, dass wir diesen Reiseveranstalter nicht  empfehlen können. Allerdings müssen wir auch dazu sagen, dass auf unsere Nachfragen hin auch keine anderen Reiseagenturen als besser eingeschätzt wurden. Sie würden alle nach demselben Schema funktionieren. Der Tourist zahlt sehr viel Geld, welches sehr unverhältnismäßig und teils ungerecht verteilt wird. Je näher die Mitarbeiter am Management dran sind, desto mehr bekommen sie. Der Tisch von Ethnic Travel ist reichhaltig gedenkt, nur ist nicht für jeden Mitarbeiter daran Platz. Ein Guide in der Provinz schaut am Ende des Monats öfters Mal in die leere Lohntüte und muss seinem hart verdientem Geld mühsam hinterher telefonieren – und sogar mit Arbeitsverweigerung drohen. Allem Ärger den wir mit Ethnic Travel hatten zum Trotz wollen wir nicht vergessen zu erwähnen, dass wir ohne Diskussionen unser Geld für die stornierte Ba Bee Tour zurückbekommen haben. Die Mitarbeiterin im Hanoier Büro war sehr daran interessiert unser Feedback aufzunehmen und es weiterzugeben. Sie hat sich vielmals für die Unannehmlichkeiten entschuldigt und wir erhielten eine kleine Kostenrückerstattung von 30 $ für unsere schlechten Erfahrungen auf dem Boot und dem vergeigten Tag in Ninh Binh.

Bei Ethnic Travel bekommt ihr eine durchgeplante Tour im Tausch gegen eure individuelle Reisefreiheit. Wenn alles gut läuft werdet ihr am Ende ein gutes Gefühl haben. Wenn aber etwas nicht gut läuft, werdet ihr aufgrund des hohen Preises für die Tour enttäuscht sein. Unsere Erkenntnis: Ab jetzt reisen wir auf eigene Faust oder buchen die Guides selbst und direkt vor Ort. Nach dem Motto: Ich gebe dir Geld und du zeigst mir deine Hood – bekommt man unserer Meinung nach einen echten Insight in das wahre Vietnam nicht hinter verdunkelten Autoscheiben, sondern nur auf der Straße.

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