Vom Death Valley zu den Bergen des Lebens

Der kleine Zwischenstopp in Las Vegas brachte uns ganz schön aus dem Schritt. Nach nur zwei Tagen am Pool und einem komfortablen Zimmer mussten wir uns erst wieder an das einfache Leben im Mini-Van gewöhnen – und das fiel uns diesmal erstaunlich schwer. Wir checkten erst auf die letzte Minute aus, räumten den Van ein und fuhren zum Einkaufen. Damit war der Tag bereits halb rum und nach einem schnellen Mittagessen im IHOP (International House of Pancakes) stellten wir fest, dass wir noch ein ganz schönes Stück vor uns hatten, bevor wir das Tal des Todes erreichten. Nachdem wir direkt am Eingang des Death Valley den ersten Aussichtspunkt besuchten, begaben wir uns zum Furnace Creek Campground. Als wir den klimatisierten Van verließen, elektrisierte die 35 Grad warme Luft unser Haut und all die feinen kleinen Härchen stellten sich auf. Leider hatte ich am Morgen unser selbst gebauten Fliegengitter auf dem Dach des Vans vergessen und musste in der Hitze all meine Konzentration aufbringen, um neue bauen zu können. Zwei Stunden später war es dann vollbracht und wir konnten, nach diesem langen Tag, endlich ins Bett – jedoch war an Schlaf nicht zu denken.

Hitze ist ein Arschloch

Entgegen unseren Hoffnungen kühlte es nachts kaum ab, sodass es selbst um fünf Uhr Morgens noch bei angenehmen 30 Grad blieb. Durchgeschwitzt und übermüdet rappelten wir uns auf und fuhren zum Salzsee, um das Morgenlicht einzufangen. Hier ließ es sich aushalten, da der „See“ so früh am Morgen noch größtenteils im Schatten lag und wir bis knapp zur Mitte laufen mussten um ein paar gute Bilder zu schießen. Trotz der heißen Nacht und den bereits 40 Grad auf dem Thermometer entschieden wir uns wie im Reiseführer empfohlen den Golden Canyon Trail zu laufen – und wären dabei fast verdurstet. Während wir im Valley of Fire bereits dachten wir wüssten wie sich eine schleichende Dehydration anfühlt, würden wir im Death Valley eines besseren belehrt. Obwohl vorher viel getrunken und mit knapp zwei Litern Wasser im Gepäck, ging uns bereits auf dem Hinweg die Pumpe. Wir hatten keine Ahnung wie weit es noch bis zum sogenannten Amphitheater (einer Felsformation) war, da es keine verlässliche Beschilderung gab und die Sonne im Canyon so stark brannte, dass wir kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnten. Angélique hatte keinen Hut dabei und zog sich aus lauter Verzweiflung irgendwann ihren Rucksack über den Kopf. Der Schweiß lief in Strömen an uns herab und wir mussten alle paar hundert Meter eine Pause einlegen, um nicht ohnmächtig zu werden. Als wir am Ende unser Ziel erreichten, hatten wir kein Wasser, dafür aber noch den ganze Rückweg vor uns. Die knapp 55 Grad Celsius trieben uns im Canyon an die Grenzen unserer Kondition. Mit letzter Kraft schleppten wir uns zurück zum Auto und konnte endlich verstehen, warum das Death Valley seinen Namen verdient.

4000 Meter über dem Meer

Nach dem Todesmarsch durch den Golden Canyon hielten wir bei den Sanddünen. Auch hier wollten wir wandern, aber nach den ersten hundert Metern entschieden wir uns nicht weiter zu laufen, da auch hier das Thermometer bei 47 Grad Celsius stand. In der Wüste des Death Valley fühlt man sich so, als ob jemand einem in der Saune die ganze Zeit mit einem Industrieföhn in Gesicht bläst. Jeder „ach, lass uns doch mal ein paar Sanddünen-Sprung-Bilder machen“ Gedanke wir hier im Keim wortwörtlich erstickt. Wir stiegen schnell wieder in unseren Van und fuhren weiter zum sogenannten Mount Whitney. Während wir uns am Salzsee noch 800 Meter unter dem Meeresspiegel befanden, lag der Mount Whitney auf 4000 Meter Höhe. Die Anstrengung die es erfordert diese Distanz physisch zu bewältigen merkten nicht nur unser Biorhythmus, sondern auch unser Van. Hinweisschilder rieten dazu die Klimaanlage auszustellen, um ein überhitzen des Motors während der kurvig steilen Fahrt aus dem Tal des Todes zu meistern und als wir bemerkten wie die Temperaturanzeige der Kühlerflüssigkeit langsam nach oben kletterte fügten wir uns diesem Rat. Im Auto wurde es schnell unerträglich heiß und uns lief der Schweiß in Gesicht. Ich konnte mich immer schlechter auf die Straße konzentrieren und zählte jede Meile, die wir hinter uns brachten, um aus dieser Hölle zu entkommen – bis mir ein Gedanke kam: Warum machten wir eigentlich nicht die Fenster auf? Frischer Fahrwind durchströmte unseren Mini-Van und brachte uns wieder in die Spur. Wir hatten uns so sehr an das fahren mit Klimaanlage gewöhnt, dass doch tatsächlich keiner von uns auf die Idee gekommen war, die Fenster zu öffnen. Auf dem Weg zum Mount Whitney mussten wir diese jedoch wieder schließen, da die Temperatur in den Bergen auf unter 20 Grad fiel. Nach nur knapp zwei Stunden Fahrt kamen wir an der Spitze des Berges an und mussten unser Wüsten-Outfit gegen Pullover und lange Hosen tauschen, um den kurzen Trail entlang des Gebirgsbachs zu laufen. Während wir am Morgen noch dem Dehydrationstod bei über 50 Grad von der Schippe gesprungen waren, mussten wir am Nachmittag zusehen, dass wir uns bei knapp 16 Grad Celsius keine Erkältung holten. Eine so vielfältige Landschaft wie in Amerika, hatten wir bisher in keinem der von uns bereisten Länder erlebt.

Auf den Spuren der Raketenwürmer

Während wir die Nacht auf einem BLM Campground mit atemberaubender Bergkulisse verbrachten, fuhren wir am nächsten Morgen in die sogenannten Alabama Hills um neben dem Trail zum Mobius Arch (einem Felsbogen) noch die Filmsets von Tremors, Django Unchained und anderen Hollywood Blockbustern zu entdecken. Die Tour zu den Filmsets durch die Felsformationen der Alabama Hills erwies sich leider als wenig spektakulär, da die Schauplätze aus den verschiedenen Filme zwar auf einer groben Karte verzeichnet, an den Stellen aber nicht beschildert und somit unmöglich auswendig gemacht werden konnten. Einzig die Kulisse aus dem Horrorklassiker „Tremors – Im Land der Raketenwürmer“ konnte ich ungefähr verorten, da mich die Szenen aus dem Film seit meiner Kindheit immer Mal wieder im Schlaf verfolgen und sich die hohen Felsen und der sandige Boden aus dem die Raketenwürmer herausschießen in mein Gehirn eingebrannt hat. Nachdem wir genug durch die Alabama Hills gekurvt waren, fuhren wir Richtung Sierra Nevada, um einige der großen Seen zu erforschen – und machten bereits auf dem Weg dahin eine große Entdeckung.

The Story of: „A Jap`s a Jap!“

Wie auch uns, ist den meisten bekannt, dass nachdem Japan am 7. Dezember 1941 Pearl Harbor angriff, Amerika in den Zweiten Weltkrieg eintrat. Was uns und auch sicherlich den meisten nicht bekannt war, ist die am 19. Februar 1941 von Präsident Franklin D. Roosevelt unterzeichnete Executive Order 9066. Diese erlaubte es der US Army einige oder alle Personen von der Westküste zu entfernen. Unter dem Kommando von Lt. General John L. DeWit wurden daraufhin alle Personen mit japanischen Wurzeln, darunter auch über 70.000 amerikanische Staatsbürger mit japanischen Vorfahren in die Nähe des Death Valley an einen Ort umgesiedelt, der den Namen Manzanar trägt. Und genau diesen Ort haben wir auf unserer Fahrt vom Death Valley zu den Seen der Sierra Nevada bsucht.

You just can`t tell one Jap from another. … They all look the same. …  A Jap`s a Jap!

Schon erstaunt darüber, dass wir noch nie von diesem Teil der amerikanischen Geschichte gehört haben, waren wir erst richtig baff, als wir in der Nähe eines so staubigen, heißen und trostlosen Ortes wie Manzanar ein riesiges Areal mit einem modernen Museum vorfanden, dass die Geschichten der über 10.000 hier inhaftierten japanisch stämmigen Amerikaner aufarbeitete. Über Zeitzeugenberichte, Dokumentarfilme und eine große Sammlung von Originaldokumente aus dieser Zeit, erfuhren wir, dass die meisten der hier lebenden Menschen nur einige Tage oder Wochen hatten um ihre Jobs zu kündigen, ihre Koffer zu packen und ihre Häuser und somit auch das Leben was sie bisher aufgebaut hatten hinter sich zu lassen. Innerhalb von kurzer Zeit wurden in Manzanar von über 400 Zimmermännern Baracken errichtet, die auf unbestimmte Zeit das neue Zuhause der japanisch stämmigen Amerikaner sein sollten. Einige waren zunächst sogar froh darüber von der Küste „evakuiert“ zu werden, da sie die Aggression der Zivilbevölkerung fürchteten und besonders den Zorn der Menschen auf den Strassen spürten, die Angehörigen  beim Angriff auf Pearl Harbor verloren hatten. Andere wehrten sich und wurden unter Anordnung von Gewalt durch das Militär in das Camp befördert. Keiner dieser Menschen wurde aufgrund eines Bezugs zu den Angriffen auf Pearl Harbor oder als Sympathisant mit dem japanischen Regime in Manzanar inhaftiert. Alle Menschen wurden aus einem Grund hier eingesperrt – ihre ethnische Zugehörigkeit.

Die meisten nahmen ihr Schicksal an, bauten eine Schule, ein Krankenhaus, eröffneten Geschäfte, legten Gärten an und gründeten Vereine. Alles in den mit Stacheldraht und Wachtürmen abgesperrtem Bereich, den Ihnen von der amerikanischen Regierung zugeteilt wurde. Einige wehrten sich gegen die Gefangenschaft und pochten auf die Ihnen von der Verfassung garantierten Freiheitsrechte. Während eines Aufstandes in Manzanar im Dezember 1942 schossen die Militärpolizisten in die Menge und töteten dabei zwei Menschen. Spätestens da wurde allen bewusst, dass sie Ihrer Freiheit beraubt wurden – und das nur, weil sie japanische Vorfahren hatten. Knapp drei Jahre später, als der Krieg beendet war, konnten alle wieder das Camp verlassen. In den 80er Jahren untersuchte ein vom amerikanischen Kongress einberufenes Komitee die Ereignisse. Daraufhin entschuldigte sich der amtierende Präsident George H. W. Bush bei den in Manzanar inhaftierten japanischstämmigen Amerikanern. Die Regierung verschickte über 82.000 offizielle Entschuldigungsschreiben und jedem, der in Manzanar inhaftierten Menschen wurden 20.000 Dollar ausgezahlt.

Wir mussten nach unserem Besuch in Manzanar noch lange daran denken wie schnell selbst in einer demokratischen Gesellschaft in Ausnahmezuständen ganze Bevölkerungsgruppen diskriminiert werden können. Auch heute noch passieren auf der ganzen Welt ähnliche Vorfälle, die erst Jahre später aufgearbeitet werden. Denen die nach uns kommen, werden sie einen Lehre sein und Ihnen in Erinnerung rufen wie wichtig es ist, dass Menschen egal welcher Hautfarbe und welcher Nationalität uneingeschränkt gleich sind. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Einrichtungen wie das Manzanar National Historic Site niemals in Vergessenheit geraten.

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