Ethnic Travel: Sapa (bei Sonne)

Als Angélique am nächsten Morgen ängstlich die Vorhänge unserer Hotelfenster zur Seite schob, machte sie einen kleinen Hüpfer vor Freude – Sonne. Sue wartete nach dem Frühstück bereits in der Lobby auf uns und mit Baby Ling auf dem Rücken ging es los Richtung Bergdörfer. Wir hatten ca. 20 Kilometer vor uns und mussten spätestens gegen 17 Uhr zurück sein, um den Nachtzug zurück nach Hanoi zu bekommen. Endlich zahlte sich die Tour für uns aus. Sue führte uns durch kleine Dörfer der Hmong und Red Dao und zeigte uns atemberaubende Berglandschaften. Angélique und Sue unterhielten sich die ganze Zeit über die unterschiedlichen Kulturen und Lebensbedingungen. Genau solche Gespräche helfen einem die Welt mit anderen Augen zu sehen und das eigene Leben und die eigenen Ideale und Wertvorstellungen zu hinterfragen.

Wir steiften durch die Reisterrassen, hielten in einigen kleinen Dörfern und blickten in eine uns unbekannte Welt. Wie außerirdische laufen wir mit unseren Outdoor-Klamotten, unseren Kameras und unseren Nike-Schuhen durch eine Welt in der die Menschen ihre Felder mit 100 Jahre alten Werkzeugen bestellen. Wir sehen eine Welt in der Wasserbüffel die Arbeit von Maschinen übernehmen, eine Welt in der Medizin aus Pflanzen gewonnen wird, das Essen geerntet und nicht gekauft wird, in der es nur Nutztiere und keine Haustiere gibt und die Gemeinschaft wichtiger ist als der Einzelne. Hier steht das Dorf als kultureller Überbau im Zentrum des Lebens und bildet neben der eigenen Familie auch den Horizont dieser Welt. Die Zugehörigkeit zu einem Stamm ist meist die einzige individuelle Ausprägung. Größtenteils werden die individuellen Bedürfnissen, denen der Gemeinschaft untergeordnet und jeder muss seinen Beitrag leisten. Die Jüngeren müssen sehr früh erwachsen werden und ihre Geschwister mit großziehen. Die Alten arbeiten so lange sie können auf dem Feld oder übernehmen den Haushalt. Die Erwachsenen leben um zu arbeiten. Mit ihren Einkommen steht und fällt der Wohlstand der ganzen Familie. Ein Tag ohne Arbeit heißt oft auch ein Tag ohne Essen. Viel Platz für Selbstverwirklichung bleibt in einer solchen Welt nicht. Männer geben den Ton an, es sei denn die Frau verdient mehr Geld, was eher selten vorkommt. Obwohl die Welt der Dorfbewohner nicht besonders Konsumorientiert ist, spielt Geld eine wichtige Rolle. Es geht viel um Geld verdienen und Geld haben und  weniger um Geld ausgeben. Wohnen, Essen, Trinken, Kleidung sind die rauen Ecken dieses Lebens. Es ist in unserer Vorstellung weniger ein Leben welches jeder selbst gestalten kann, sondern eher ein Überleben bei dem die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund treten.

Obwohl unser Sapa-Guide Sue sehr modern und aufgeschlossen war, viel es uns oft schwer das Lebensmodell der Dorfbewohner zu verstehen. Man ist wer man ist und man hat was man hat, nicht mehr und nicht weniger. Es ist so, als würde eine durchsichtige Barriere die Menschen nicht nach mehr individueller Selbstbestimmung streben lassen. Eine Reise wie wir sie machen, hat in so einem Lebensmodell keinen Platz und überstieg auch den Horizont unseres Guides als wir erklärten, was wir eigentlich tun und vor allem warum.

Der Tag verging viel schneller, als wir es uns gewünscht hatten und irgendwann hieß es dann Abschied nehmen. Wir können jedem, der Sapa besucht den Trek mit Sue empfehlen um einen Blick in das Leben der ethnischen Minderheiten in Vietnam zu bekommen. Voller neuer Eindrücke und erfüllt von Zufriedenheit nahmen wir den Nachtzug zurück nach Hanoi. Eigentlich hatten wir geplant unsere Tour mit Ethnic Travel in den Ba Be Nationalpark fortzusetzen, haben uns jedoch wegen den Erfahrungen die wir mit Ethnic Travel gemacht haben dagegen entschieden. Zudem wollten wir die letzten Tage von Nordvietnam dafür nutzen um nochmal in das schöne Hanoi einzutauchen, das uns von Anfang an faszinierte und zum Staunen brachte.

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