USA Roadtrip: Von Mendocino zur Lost Coast

Nachdem wir etwas geschlaucht vom häufigen Wildcampen nicht so richtig wussten, was wir mit dem Tag anfangen sollten, entschieden wir uns für ein Frühstück an der Küste, um uns den Kopf von der Meeresbrise  freipusten zu lassen. Angéliques Neugier führte uns zu einem Trampelpfad der sich durch eine Wildblumenwiese schlängelte und in rauen Klippen mündete, die von den brechenden Wellen abgehärtete wurden. Wir genossen die Aussicht und gewannen etwas von der Leichtigkeit zurück, die man auf Reisen zum Pläne schmieden braucht. Wir redeten darüber, dass wir an Tagen wie diesen immer gern in die Sauna des Jugendstilbads in Darmstadt gegangen sind. Und während ich noch in Erinnerungen an unser früheres zu Hause dachte, hat Angélique fleißig recherchiert. Keine halbe Stunde später saßen wir im Hot Tub eines  gemütlichen Spa in Mendocino. Kaum hatte sich unsere Laune gebessert, gab es sofort wieder einen Dämpfer. Die Pizzeria, die wir am Tag vorher ausgespäht und auf die wir uns schon den ganzen Vormittag gefreut hatten, war geschlossen. Unsere schlechte Laune konnte erst ein Wendys in Fort Bragg heben, denn die Bürger hier sind wirklich ausgezeichnet. Wir hatten schon lange auf einen Campingplatz direkt am Meer gewartet und konnten nicht wiederstehen, als wir an der Küste von West Port fündig wurden. Wir zögerten zwar, da wir  25$ zahlen mussten, jedoch war es die Aussicht über die Klippen zum Strand und auf das weite Meer, die uns zum Bleiben verführte.

Auf der Suche nach der Lost Coast

Es ist unglaublich welche Wirkung das Meer auf uns hat. Morgens aufzuwachen und auf das sanfte Blau des Ozeans zu schauen erfüllt uns mit einer Zufriedenheit, die wir sonst nur von regnerischen Sonntagen kannten, an denen wir uns in unserer alten Wohnung  unter einer dicken Wolldecke vor dem Fernseher zusammenrollten. Trotz des wunderbaren Campingplatzes fuhren wir weiter, da wir uns entschlossen einen größeren Umweg zu fahren um die wilden Strände der Lost Coast zu besuchen. Auf dem Weg dahin fuhren wir die sogenannte Avenue Of The Giants entlang. Dieser knapp 50 Kilometer lange Abschnitt als Alternativrouten zum parallel verlaufenden Highway 101 beherbergt den weltweit größten Bestand der in den USA als  Redwoods bezeichneten Mammutbäume. Die Bäume die wir hier sahen überstiegen unser Vorstellungsvermögen. Einige sind so breit, dass man mit einem Auto hindurchfahren kann, andere so hoch, dass sie über vier eigene Vegetationszonen verfügen, in denen unterschiedliche Pflanzen, Insekten, Vögel und Tiere leben. Wir liefen mit geweiteten Augen und offenen Mündern durch den wuchernden  und mit saftigem Moos übersäten Märchenwald, der uns in eine prähistorische Welt entführte. Selbst der größte Mensch der Welt dürfte  sich an diesem Ort unheimlich winzig fühlen. Wir machten ein paar kurze Trails und fuhren am selben Tag weiter, da wir wussten, dass die Straße zur Lost Coast sehr unangenehm  sein würde. Wir hatten zwar mit einer Schotterpiste voller Schlaglöcher gerechnet aber nicht mit einem Feldweg, der so zugewachsen war, dass wir teilweise den Weg nicht erkennen konnten, rechneten wir nicht. Unser Van wurde so durchgerüttelt, dass sich sämtliche Schrauben und Muttern zu lösen schienen. Jeder einzelne der knapp 30 Kilometer ab Honeydew den wir mit 5 bis 15 km/h entlangfuhren kam uns unendlich lang vor.  Am Ende glaubten wir selbst nicht mehr daran, dass wir die Lost Coast jemals heil erreichen würden – und genau in diesem Moment sahen wir den Campground.

Niemals hätten wir damit gerechnet, dass jemand anders als wir diesen beschwerlichen Weg Aufsicht nehmen würde, nur um zu einem Strand zu gelangen an dem es nichts gibt. Umso mehr waren wir davon überrascht, dass wir von den 12 Campingplätzen den vorletzten bekamen. Neben SUVs und kleineren Van Campern hatten einige Menschen große Wohnmobile und einer sogar einen Schulbus an die Küste befördert. Zunächst konnten wir die Anstrengung nicht ganz nachvollziehen den am Mattole Beach Campground war es windig, kalt, nebelig und grau. Unsere Feuerstelle befand sich auf Brusthöhe, sodass der Wind das Feuer und die Asche  in alle Richtungen peitschte – jedoch am liebsten in die, in der wir gerade standen. Neben uns starteten ein paar Rednecks ein Besäufnis und wurden immer lauter. Alles in einem konnten wir diesem Ort nichts abgewinnen und fanden ihn, wenn man bedenkt unter welcher Anstrengung wir ihn erreicht hatten,  einfach nur kacke. Wir verzogen und ins Auto und stülpten und die Decke über den Kopf. Nachdem wir bereits fünf Monate im Auto lebten, wurde uns immer mehr bewusst wie dünnhäutig wir dadurch geworden sind. Das Reisen mit einem Van bietet viele Vorteile, zwingt uns aber auch dazu jeden Tag unsere Komfortzone zu verlassen. Man lernt zwar so das einfache Leben kennen und gewöhnt sich daran die kleinen Dinge zu schätzen, an miesen Tagen jedoch kommt dadurch der Grummelpeter in einem umso stärker durch. Die Milch ist alle und man bekommt einen cholerischen Anfall. Die Radioverbindung bricht ab und man schlägt wild um sich. Aber am schlimmsten, am aller schlimmsten ist es, wenn das Wetter nicht mitspielt. Wenn man wegen anhaltendem Regen mehr als drei Tage im Van verbringen muss, kommen einem die drei Quadratmeter die man sich teilt noch enger vor, als es eigentlich überhaupt geht – und alles nervt.

Zum Glück schien am nächsten Morgen die Sonne. Der Wind legte sich und wir bekam endlich das Lost-Coast-Feeling als wir den weiten Strand entlang liefen und darüber staunten welche Formationen das viele weiße Treibholz bildete. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, dass hier Knochen von gigantischen Wesen angeschwemmt wurden, die aus einer Zeit stammten in der es die Menschen noch gar nicht gab. Wir verbrachten den Tag an der Küste, verloren uns zwischendurch aus den Augen und aus dem Sinn, lernten ein Texaner-Pärchen kennen, die ebenfalls die USA bereisten und fuhren am nächsten Morgen nach Ferndale.

Zwischen Jetskis und Hufeisen

Außer viktorianischen Häusern und schlechtem Kaffee hat Ferndale nicht viel zu bieten, sodass wir nach Trinidad weiter fuhren und ein paar Fotos in dem kleinen Fischerdorf zu machen, das durch seine herrliche Lage immer wieder Besucher anlockt. Nach so viel Stadt musste mal wieder etwas Natur her und da kam uns der Fern Canyon gerade recht. Im Prairie Creek Redwoods State Park liegt eine verwunschene Schlucht versteckt. Die Wände des Fern Canyons sind mit Efeu bewachsen und an dem wuscheligem Grün laufen feine Wasserfälle entlang. Die meisten Bäume in der Schlucht sind umgefallen, wodurch es noch mehr Spaß macht die Felsschlucht zu entdecken, da man sich seinen eigenen Weg durch das Labyrinth suchen muss. Nachdem wir den Canyon einmal durchquer hatten und auch schon viele Mückenstiche einstecken mussten, machten wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz für die Nacht und wurden am Trailhead des Lost Man Trails fündig.

Die restliche Strecke bis zur Staatengrenze zwischen Kalufornien und Oregon verlief eher unspektakulär. Wir liefen den Big Tree Wayside beim Prärie Creek Redwoods State Park und erkundeten den dicht bewachsenen pröhistorischen Farnenwald, spazierten auf dem Yurok Loop Trail bei Klamath, hielten am Cresecent Beach Overlook und am Crescent Batterly Point Ligthhouse, welches man nur bei Ebbe erreicht und fuhren den Pebble Beach Drive entlang. Nachdem wir den kalifornischer Bundesstaat hinter und gelassen hatten und im Samuel Boardman Scenic  State Park keinen Übernachtungsplatz mehr bekamen, steuerten wir den BML Land Campground im Siskiyou National Forrest an. Der Platz lag im Inland etwas abgelegen an einem Fluss und wir hatten nicht damit gerechnet, dass außer uns jemand anders den Weg auf sich nehmen würde. Umso mehr waren wir überrascht von den Horden von Amerikanern die sich hier zum Abenteuercampen niederließen. Anders als wir die nur mit dem nötigsten ausgestattet sind mögen es die Amerikaner mit möglichst viel Equipment ausgestattet zu sein, wenn sie zum Campen aufbrechen. Allein die Familie neben uns hatte außer den obligatorischen drei Kindern uns zwei Hunden, ein Jetski, zwei Kanus, eine Schwimminsel und ein Schlauchboot dabei. Draußen hatten sie ein Hufeisenwerfen veranstaltet, obwohl auch noch die Dart-Scheibe neben der Golf- und Angelausrüstung lag. Um eine große Feuerstelle lag geschlagenes Holz für den ganzen Winter neben den zwei Äxten und der Kettensäge. Der Genrrator brummte für den Flatscreen, Mikrowelle und die Popcornmaschine im inneren eines gigantischen Wohnmobils, an dessen Rückseite ein Quad montiert war. Wir hatten schon gemerkt, dass die Amerikaner gern allerhand Zeug mit zum Campen nehmen, jedoch setzten die Camper im Siskiyou National Forrest neue Maßstäbe. Die Menschen in den USA sind immer wieder für eine Überraschung gut.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*