TickTack

Frau auf Steg in Schweden
Erst an einsamen Orten wird das innere Ticken immer leiser

Nach dem ABI ein Jahr FSJ im Kindergarten, dann vier Jahre Dualstudium zur Kindheitspädagogin und parallel Arbeiten in der Krippe. Dann die Frage: Was nun? Direkt rein ins Berufsleben? Noch den Master hinterher? Oder doch nochmal dem inneren Drang und nicht vergessenem Wunsch nach einem Auslandsaufenthalt nachgeben?

Dann, die Entscheidung: 9 Monate als Au Pair nach Neuseeland. Am Ende dieser erlebnisreichen Zeit war die Freude auf zuhause und vor allem dem eigenen „Nest“ mit meinem Freund Jan ganz groß. Ich wollte endlich das Studentendasein hinter mir lassen und in mein erwachsenes Leben starten, mit Arbeit, Geld verdienen und endlich einer größeren Wohnung mit Balkon, Badewanne und richtiger Küche. Nach vielen kleinen Trips durch Neuseeland und einem unvergesslichen Roadtrip im CamperVan mit Jan war das Reisefieber in mir nun endgültig geweckt. Daraufhin gaben wir fast alles Geld, was wir verdienten für das Reisen aus. In den nächsten drei Jahren folgten mehrere Städtetrips in Europa, Kurzurlaube in den deutschen Bergen oder am Meer und längere Reisen nach Thailand, Russland und Portugal. Doch die Urlaube fühlten sich immer zu kurz an. Zu kurz um zur Ruhe zu kommen, zu kurz um zu entdecken und zu kurz zum Genießen.

Vom Arbeitstief zum Alltagstief

Aber die nur begrenzt erfüllten Reisewünsche waren nicht alles. Auch die Arbeit, die zunächst schön, neu und aufregend war, wurde mit der Zeit alltäglicher und mit dem Alltag tat sich auch mehr Unzufriedenheit auf. So ein Tief hatte wahrscheinlich fast jeder schon im Leben und kennen einige von euch auch sehr gut. Doch was, wenn aus einer Phase, ein Dauerzustand wird. Nach und nach machte sich plötzlich ein Gefühl in mir breit und wuchs von Tag zu Tag. Ich fühlte mich erdrückt und beschwert. Gleichzeitig brannte eine unverhoffte Sehnsucht in meinem Inneren auf. Eine Sehnsucht nach mehr. Nach etwas anderem im Leben als das was gerade war.

Dann fing das Ticken in mir an

TickTack. TickTack. Meldete sich plötzlich die biologische Uhr. Schließlich bin ich eine Frau, die auf die 30 zu steuert und ihre besten Jahre, fortpflanzungstechnisch gesehen, bereits schon hinter sich hat. Mit zwei oder ja vielleicht sogar drei Kindern bevor ich 40 werde, wird es da schonmal knapp. Eigentlich alles kein Problem, denn ich habe einen wunderbaren Partner an meiner Seite, den ich über alles liebe, der mich ebenso über alles liebt und glücklich macht, der ebenso gern Kinder (auch ruhig mehr als drei) möchte. Also dann, auf die Plätze, fertig, los. Oder? Ja Oder! Genau dieses Oder ist es nämlich, das sich in mir rührte und mich abermals an einen neuen Scheidepunkt im Leben brachte.

Will ich denn erst einmal nur eine neue Arbeitsstelle, wo es mir besser geht? Oder brauche ich eine neue berufliche Herausforderung um zufriedener zu werden? Oder doch jetzt gleich Kinderkriegen und rein ins Familienglück? Apropos, und was war eigentlich mit dem Traum…äh Plan, vor dem Kinderkriegen noch ans Meer zu ziehen, weil das doch ein viel besserer Ort zum Leben ist? Und wo bleibt dabei jetzt noch Platz zum Reisen? Also einmal so richtig Reisen meine ich. Einfach los, in und um die Welt, ohne Verpflichtungen, ohne Rückreiseticket und natürlich eigentlich auch erst einmal ohne Kinder im Gepäck.

Oh je. Ich war ganz klar überfordert. Alles was ich will und wollte verschmolz zu einem undurchsichtigen Gefühlsbrei in mir. Alles fühlte sich nur halb richtig und nicht nach was Ganzem an. Aber woher sollte ich denn bloß wissen was ich am meisten will? Und wenn ich es nicht rechtzeitig herausfinde? Und wenn ich die falsche Entscheidung treffe und es dann zu spät ist? Ich möchte nicht mit 40 da sitzen und unerfüllten Träumen nachtrauern. Da das ganze Grübeln, die lebensberaterische Literatur, das in mich Gehen, Heulen, Schlaftabletten zum Einschlafen schlucken und drei Mal Yoga in der Woche nicht weiterhalfen, beschloss ich erst einmal die Sache zu ändern, die mich aktuell am meisten störte.

Ein neuer Job musste her!

Soll es wieder eine Stelle in der Krippe werden oder vielleicht doch ein ganz neues pädagogisches Arbeitsfeld? Am liebsten würde ich ja auch mal was ganz anderes im Leben machen. Aber was? Ich kann ja sonst nichts. Außer mittelmäßig kochen und meinen Freund anschreien. Nach einer halbjährigen Phase des Suchens, Bewerbens und Überlegens, stieg in mir immer mehr das Bedürfnis auf „Garnichts“ tun zu wollen. Aber Nichtstun? Darf man das überhaupt? Einfach so mit Ende 20? Das Alter von beruflichem Aufstieg und Familiengründung einfach überspringen? Dem Zeitpunkt vom Ernst des Lebens ein Schnippchen schlagen? Schon wieder eine Auszeit? Neuseeland war schließlich erst zwei Jahre her. So kann ich doch nicht ewig weitermachen im Leben! Oder etwa doch?

Bei dem ganzen Gefühlswirrwarr  in mir, entschied ich mich schließlich erst einmal für den einfachen und sicheren Weg und fing eine neue Stelle in der Krippe an. Diesmal sogar mit etwas weniger Stunden, sodass dabei noch genug Freiraum für den weiten Weg zur Selbstfindung blieb. Und so war es dann auch…ziemlich bald nach dem die negative Belastung der Arbeit wegfiel, wurde das Gefühl in mir immer deutlicher spürbar. Der Drang nach einer richtigen Auszeit, einem Ausbruch aus dem Alltag – aus den gesellschaftlichen Rahmen und Pflichten und vorgezeichneten Wegen im Leben. Einfach mal Frei sein. Wo anders sein. Sich treiben lassen. Bei sich selbst sein. Nur mich und meinen Freund glücklich machen. Zeit haben. Neues entdecken. Überrascht werden. Kleinigkeiten schätzen und mit weniger zufrieden sein lernen.

Einmal im Leben nur ich, mein Lieblingsmensch und die weite Welt.

Einmal ohne Hast die Welt bereisen und erst zurückkehren, wenn die innere Stimme es uns sagt, können wir das wirklich tun? Die Frage war nicht, ob wir können, sondern ob wir es ernsthaft wollen und so mutig sind es einfach zu tun. Und es brauchte viel Mut, sehr viel Mut, um das bisher Erreichte aufzugeben. Einfach alles hinter sich lassen, mit nur einem Rucksack losziehen und dann nach einigen Monaten, vielleicht einem ganzen Jahr wieder neu anfangen. Wollen wir das auch wirklich? Trauen wir uns das? Die Antwort darauf kennt ihr bereits.

Da steh ich also nun nach einem Jahr voller Unruhe und Unsicherheit, Schwierigkeiten und Ärgernissen, Heulkrämpfen und verzweifelten Stunden. Der innere Kampf der Entscheidungen hat vorerst ein Ende. „Und was kommt danach?“ – Meldet sich schon wieder mein inneres „TickTack“ zu Wort. Ruhe jetzt! Danach ist danach. Und bis dahin: Follow the Pancake.

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